18.12.2011

Lesung auf der Tromm

Er frönt seiner Liebe aus der Schauspielschule: Mit einem Leseabend zu Texten, Monologen und Couplets von Karl Valentin und Gerhard Polt ließ der populäre Schauspieler Francis Fulton-Smith das Publikum im Hoftheater tief in die besondere Art des bavaresken Humors eintauchen. Bild: Kopetzky

TROMM. Sie gelten als Verkörperung bavaresken Humors: Karl Valentin und Gerhard Polt. Der eine ist in bitterer Armut bereits 1948 verstorben. Der andere ist glücklicherweise quicklebendig. Er hat auch schon auf der Tromm gastiert. Einer, der seine eigene Karriere am Theater, in TV-Serien und in Kinofilmen schon längst gestartet hat und überaus große Erfolge feiert, hat die beiden zu einem heiter-nachdenklich-literarischen Abend im hoftheater zusammengeführt: Francis Fulton-Smith.

 

Bayrische Originale

Als humoristischer Karl-Valentin-Abend war die Vorstellung mit dem bekannten und populären Schauspieler angekündigt. Ob es die Inhalte, der Humor der bayrischen Originale, die in ihrer Zeit stets als Minderheit gegen den übermächtig erscheinenden Strom schwimmen mussten und müssen, oder ob es der unmittelbare hautnahe Kontakt mit einem Star war, mag dahingestellt bleiben. Das hoftheater war jedenfalls sehr zur Freude der Gastgeber Jürgen Flügge und Angelika Borchert in vorweihnachtlicher, aber stürmischer Zeit bis auf den letzten Platz gefüllt.

Dabei ließ Fulton-Smith auch etwas von der persönlichen Freundschaft zu Jürgen Flügge verlauten, bezeichnete ihn sogar als "mein Doktorvater". Immerhin war es der Intendant Flügge, der den damals jungen Schauspieler von der renommierten Münchener Schauspielschule zu seinen Häusern nach Esslingen und Braunschweig "weg engagierte". Das hat ihn der Star, der sich mit seiner Frau für SOS-Kinderdörfer engagiert, nicht vergessen.

Vergessen hat er ebenso wenig seine Liebe zu dem verschrobenen Humor des Kauzes Karl Valentin und dessen Nachfolgers im Geiste, Gerhard Polt. Nicht zufällig ist Gerhard Polt der erste Preisträger des erstmals im Jahr 2007 (zum 125. Geburtstag) verliehenen Karl-Valentin-Preises. Mit einem Auszug von Gedanken, Monologen, Couplets unvergessener Gedanken- und Wortspiele und Dialoge mit der begnadeten Valentin-Partnerin Liesel Karlstadt erfreute Fulton-Smith die Besucher im hoftheater.

Dem Volk aufs Maul geschaut

Beide, Valentin und Polt, schauen dem Volk aufs Maul, parodieren, in dem sie einfach sie selbst sind, als Stammtischbruder, Zeitgenosse in der Fußgängerzone, als schimpfender Bürger. Und dabei erfahren längst vergessen geglaubte Texte anlässlich der so genannten Euro-Krise ungeahnte Aktualität.

Bei den Polt-Texten "Quanto Costa" und "Der Europäer" wird deutlich, dass Ausländerfeindlichkeit, die Angst vor Überfremdung und Ausbeutung durch die böse Welt quasi in der Genetik der kleinbürgerlichen Angstbürger liegt. Hier hilft nur die Flucht in die absolute Ironie und Selbstverleugnung, um sich in diesen bösen Zeiten auch einmal wie der Sieger zu fühlen: "Zahlen tun wir doch ohnehin für jeden und alles und eigentlich haben wir damals zusammen mit den Alliierten in der Normandie die Welt von den Nazis befreit."

Valentin und Polt sind gleichermaßen Realist. Sie bilden ab, was sie hören und sehen, erstellen quasi Kopien der Wirklichkeit, um diese in Geschichten und Szenen zu komponieren. Am Tisch sitzend, gestärkt von dem ein und anderen Glas Wasser, lässt Fulton-Smith seine gebannt lauschende Zuhörerschar mit purer Stimme, Schauspiel- und Vorlesetechnik in den Humor von Valentin und Polt eintauchen; so in die Betrachtungen eines Valentin über das Jenseits: "Wenn der Mensch gestorben ist, ist er tot. Das ist sicher, todsicher."

Wie bei allen Satirikern bleibt zu hoffen, dass die Adressaten diesen Witz auch verstehen, entweder sich selbst im Spielgelbild erkennen oder etwas zur Aufklärung in ihrer Nachbarschaft und am Stammtisch beitragen. Wenn ein Polt über Begriffe wie Toleranz oder Demokratie fabuliert, dann neigt der Zuhörer dazu, die Ausführungen eins zu eins zu übernehmen. Er wiederholt doch nur, was seine Mitmenschen dazu sagen. Und dann wird plötzlich klar: seine Parodien sind bitterböse Realsatiren. Mit der Toleranz der Metropole des Bayernlandes scheint es wenigstens so schlecht nicht bestellt sein. Immerhin wuchs Francis Fulton-Smith, in München geboren, mit britischem Pass auf. Als von ihm beherrschte Sprachen gibt er an: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Französisch und Bayrisch. Es hat ihm nicht geschadet. Sein Publikum lag ihm auch im hoftheater zu Füßen. mk

 

Artikel aus der Odenwalder Zeitung vom: 19.12.2011